❓ Wann ist Streit gesund?

In ISMS-Sitzungen frage ich mich selten, ob gestritten wird. Mich beschĂ€ftigt eine andere Frage: Dient dieser Streit dem Thema – oder vergiftet er es? Wir sind darauf trainiert zu prĂŒfen, ob jemand sachlich bleibt. Ich halte das fĂŒr die falsche Frage.

🔍 Es ist nicht die LautstĂ€rke

Die naheliegende Antwort: Gesunder Streit ist ruhig, vergifteter ist laut. Sie stimmt nicht. Der zerstörerischste Konflikt ist oft der leiseste – der unterkĂŒhlte Ton, das pointierte Schweigen, das „machen wir wie immer", die still entzogene Mitarbeit. Eine Sitzung ohne offenen Widerspruch ist deshalb kein gutes Zeichen. Sie kann das Symptom sein, nicht die Heilung. Wenn nicht die LautstĂ€rke entscheidet – was dann?

⚡ Es ist der Bezug

Die Linie verlĂ€uft nicht zwischen laut und leise, sondern zwischen der Sache und der Person. Gesunder Streit zielt auf die Bewertung, das Restrisiko, die Maßnahme. Vergifteter Streit zielt – oft getarnt als Sachfrage – auf die Person: ihre Kompetenz, ihren Status, ihre Zugehörigkeit. Das TĂŒckische ist, dass das Gift hĂ€ufig den höflichsten Ton trĂ€gt. Wie erkennt man etwas, das sich im Tonfall und im Schweigen versteckt?

🎯 GespĂŒr und Mut

Kein Kriterienkatalog erkennt das. Es braucht GespĂŒr – die Wahrnehmung, dass der Ton nicht zum Thema passt, dass ein Schweigen lauter ist als jeder Einwand. Und es braucht Mut, das auszusprechen, solange es nur ein Eindruck ist: „Ich habe das GefĂŒhl, hier geht es gerade nicht mehr um die Sache." Die Themenzentrierte Interaktion nennt das die Störung, die Vorrang hat – gerade die leise. Wer sie benennt, riskiert, sich zu irren. Wer sie ĂŒbergeht, riskiert das Gremium. Das Unbequeme ist nie der Streit. Es ist der Satz, der ihn beim Namen nennt.

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